Das Adipositas- Lymphödem - Diagnose und Therapie

Dem Adipositas-Lymphödem liegt eine Lymphabflussstörung zugrunde, die ausschließlich Folge einer Adipositas ist.

Adipositas bezeichnet eine vom Normalgewicht um mehr als 20% abweichende Vermehrung der Körper-masse durch Zunahme des Depotfetts. Das entspricht einem BMI von ≥ 30 kg/m². Anhand des BMIs wurde von der WHO 1998 die Klassifizierung in Unter-, Normal- und Übergewicht und Adipositas Grad 1-3 eingeführt:

• Normalgewicht BMI von 18,5 bis 24,9 kg/m²
• Übergewicht BMI von 25,0 bis 29,9 kg/m²
• Adipositas Grad 1 BMI von 30,0 bis 34,9 kg/m²
• Adipositas Grad 2 BMI von 35,0 bis 39,9 kg/m²
• Adipositas Grad 3 BMI > 40 kg/m²  = Adipositas permagna

2003 hatten bereits 22,5% der Männer und 23,3% der Frauen in Deutschland einen BMI von über 30, Tendenz steigend – ca. 15 Millionen Bürger. Die Fettleibigkeit entsteht immer häufiger im Kindesalter und nimmt mit steigendem Alter zu. Eine kindliche Adipositas ist nur selten krankheitsbedingt (z.B. Hypothyreose, Klinefelter-Syndrom). 

Ich habe das Adipositas-Lymphödem bisher nur bei Patienten mit einem BMI von über 40 kg/m² diagnostiziert, bei Frauen und Männern gleich häufig. Es ist überwiegend an den Beinen lokalisiert. Differentialdiagnostisch sind primäre und sekundäre Lymphödeme  sowie kombinierte Phleb-Lymphödeme  und Lip-Lymphödeme auszuschließen, ggf. auch kardiogene Stauungsödeme, die eine Kontraindikation für die manuelle Lymphdrainage sind. 

Die Adipositas erschwert die Differenzierung zwischen primärem und sekundärem Lymphödem, Lip-Lymphödem, Adipositas-Lymphödem und Adipositas. Die typischen Fibrosen sind im Fettgewebe nicht so gut tastbar wie bei schlanken Patienten. In der Regel sind Lymphödeme aber asymmetrisch oder einseitig, was die Diagnose über Messung von Umfang und Volumen erleichtert. Bei Frauen ist zur Unterscheidung von Lip-Lymphödemen auf Disproportionen in der Fettverteilung und schmerzhaftes Fettgewebe zu achten. 

Nach Ausschluss dieser Differen-zialdiagnosen weisen eine typische Ödemanamnese und ein charak-teristischer Ödembefund auf das Adipositas-Lymphödem hin. 

Dazu gehören:

  • die Ausbildung des Lymphödems parallel zur Gewichtszunahme
  • das Lymphödem entsteht in der zweiten Lebenshälfte
  • das Lymphödem ist an den Oberschenkeln und an den Unterschenkeln stärker ausgebildet als an den Füßen
  • das Stemmer‘sche Zeichen ist trotz schwergradigem Lymphödem nicht oder nur gering vorhanden 
  • schwere Hautveränderungen wie beim primären Lymphödem sind nur selten
  • bei ausgeprägter Fettschürze können sich Bauchhautlymphödeme bilden

ausgeschlossen werden müssen:

  • ein primäres Lymphödem
  • ein sekundäres Lymphödem
  • ein Lip-Lymphödem
  • ein Phleb-Lymphödem
  • kardiogene Ödeme

Das Adipositas-Lymphödem habe ich bisher nur in der unteren Körperhälfte gesehen, was für den enormen Effekt der Fettmassen auf den venösen und lymphatischen Rückfluss spricht. Das scheint die „Initialzündung“ für die Entstehung eines Lymphödems zu sein und bedeutet, dass ein Adipositas-Lymphödem im Anfangsstadium durch eine Gewichtsreduktion wieder beseitigt werden kann.

Sobald die richtige Diagnose gestellt ist, muss mit der lymphologischen Behandlung begonnen werden. Wegen der Schwere der Erkrankung und der vielfältigen Probleme durch Begleiterkrankungen sowie der eingeschränkten Mobilität der Betroffenen sollte die erste Behandlung in einer darauf spezialisierten lymphologischen Klinik erfolgen. Das gilt insbesondere, wenn gleichzeitig ein Diabetes mellitus oder eine Herz-Kreislauferkrankung vorhanden sind. Diese erfordern wegen der Gefahr der Stoffwechselentgleisung durch Gewichtsreduktion oder Dekompensa-tion von Herz und Kreislauf unter der hämodynamisch wirksamen Ödemtherapie, insbesondere während der Beinbandagierung eine enge internistische Überwachung

Für die Prognose ist eine Verbesserung der Gehfähigkeit ganz entscheidend. Zum Behandlungskonzept können deshalb auch plastische Operationen gehören, wie die Fettschürzenresektion bei Bauchhautlymphödem und Lymphödemteilresektionen an den

Beinen. Wegen eines hohen gesund-heitlichen Risikos der Patienten ist eine präoperative intensive Entstauung und Gewichtsreduktion genau so wichtig, wie eine lymphologische Nachbe-handlung, um eine bessere Wundheilung zu erreichen und postoperativen Komplikationen vorzu-beugen.

Das Beinlymphödem und die Adipositas führen innerhalb kürzester Zeit zu einer Gehbehinderung bis hin zu einer Gehunfähigkeit. Zunächst resultiert daraus eine Arbeitsunfähigkeit, später kommt es zur Erwerbsunfähigkeit und zuletzt besteht Pflegebedürftigkeit. Darin liegt die große sozialmedizinische Bedeutung der Erkrankung.

Zur Therapie von Lymphödemen